Lexikon · Umsatzsteuer & Vorsteuer

Reihengeschäft

Beim Reihengeschäft nach § 3 Abs. 6a UStG schließen mehrere Unternehmer Liefergeschäfte über denselben Gegenstand ab, der unmittelbar vom ersten Lieferer zum letzten Abnehmer gelangt — nur eine Lieferung der Reihe ist die bewegte und kann steuerfrei sein.

Ein Reihengeschäft liegt vor, wenn mehrere Unternehmer über denselben Gegenstand Liefergeschäfte abschließen und die Ware bei der Beförderung oder Versendung unmittelbar vom ersten Unternehmer an den letzten Abnehmer gelangt (§ 3 Abs. 6a Satz 1 UStG). Wirtschaftlich gibt es eine Warenbewegung, umsatzsteuerlich aber so viele Lieferungen, wie Verträge geschlossen wurden. Genau eine davon ist die bewegte Lieferung — nur sie kann als innergemeinschaftliche Lieferung oder als Ausfuhrlieferung steuerfrei sein. Alle übrigen sind ruhende Lieferungen.

Wem die Warenbewegung zugeordnet wird

Die Zuordnung hängt allein davon ab, wer den Transport verantwortet — nicht davon, wer ihn bezahlt.

Wer befördert oder versendetBewegte Lieferung ist …Fundstelle
der erste Unternehmer (A)die Lieferung A an B§ 3 Abs. 6a Satz 2 UStG
der letzte Abnehmer (C)die Lieferung B an C§ 3 Abs. 6a Satz 3 UStG
der Zwischenhändler (B), Grundfalldie Lieferung A an B§ 3 Abs. 6a Satz 4 UStG
der Zwischenhändler (B) unter seiner USt-IdNr. des Abgangsstaatsdie Lieferung B an C§ 3 Abs. 6a Satz 5 UStG

Die ruhenden Lieferungen bekommen ihren Ort nach § 3 Abs. 7 Satz 2 UStG: Lieferungen vor der bewegten gelten dort als ausgeführt, wo die Beförderung beginnt; Lieferungen nach der bewegten dort, wo sie endet.

Beispiel A → B → C

Händler A in Hamburg, Zwischenhändler B in Köln und Kunde C in Lyon schließen jeweils einen Kaufvertrag. Die Ware geht direkt von Hamburg nach Lyon, die Spedition beauftragt B.

SchrittVariante 1: B tritt als Abnehmer aufVariante 2: B verwendet seine deutsche USt-IdNr.
Bewegte LieferungA an BB an C
Lieferung A an Bsteuerfreie innergemeinschaftliche Lieferungruhend, Ort Hamburg, 19 % deutsche Umsatzsteuer
Lieferung B an Cruhend, Ort Lyon, französische Umsatzsteuersteuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung
Folge für BRegistrierung in Frankreich nötigkeine Registrierung in Frankreich, Meldung in der deutschen ZM

Dieselbe Warenbewegung, zwei völlig verschiedene Ergebnisse — allein deshalb, weil B seinem Lieferanten eine andere Umsatzsteuer-Identifikationsnummer mitgeteilt hat. In Variante 1 versteuert B einen innergemeinschaftlichen Erwerb in Frankreich, in Variante 2 zieht er aus der Rechnung von A deutsche Vorsteuer und braucht für seine eigene Lieferung die üblichen Belegnachweise wie die Gelangensbestätigung.

Dreiecksgeschäft als Vereinfachung

Sind genau drei Unternehmer beteiligt, die in drei verschiedenen Mitgliedstaaten erfasst sind, und befördert der erste Lieferer oder der erste Abnehmer die Ware, greift die Vereinfachung des innergemeinschaftlichen Dreiecksgeschäfts nach § 25b UStG. Die Steuer für die Lieferung an den letzten Abnehmer schuldet dann dieser selbst, und der mittlere Unternehmer muss sich im Bestimmungsland nicht registrieren. Voraussetzung ist unter anderem, dass er gegenüber dem ersten Lieferer und dem letzten Abnehmer dieselbe USt-IdNr. verwendet, die weder vom Abgangs- noch vom Bestimmungsstaat erteilt wurde, und dass der letzte Abnehmer eine USt-IdNr. des Bestimmungsstaats verwendet.

Achtung

Die Rechnung des ersten Abnehmers muss nach § 14a Abs. 7 UStG auf das Vorliegen eines innergemeinschaftlichen Dreiecksgeschäfts und auf die Steuerschuldnerschaft des letzten Abnehmers hinweisen, beide USt-IdNr. nennen und darf keine Steuer gesondert ausweisen. Dieser Hinweis ist Tatbestandsvoraussetzung des § 25b Abs. 2 UStG — fehlt er, greift die Vereinfachung nicht, und der mittlere Unternehmer steht im Bestimmungsland registrierungspflichtig da.

Wo es in der Praxis kippt

Am fehleranfälligsten ist Dropshipping: Der Onlinehändler bestellt beim Lieferanten, der direkt an den Endkunden versendet — ein lupenreines Reihengeschäft, dessen bewegte Lieferung selten offensichtlich ist. Geht die Ware an Privatkunden im EU-Ausland, kommen zusätzlich die Fernverkaufsregeln und das OSS-Verfahren ins Spiel; mehr dazu unter OSS im Onlinehandel. Zweiter Dauerbrenner: Die verwendete USt-IdNr. wird nicht dokumentiert, sodass sich Jahre später nicht mehr belegen lässt, welche Zuordnung gewollt war. Notiere sie deshalb auf der Rechnung und im Auftrag, und melde die bewegte Lieferung fristgerecht in der Zusammenfassenden Meldung.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich ein Reihengeschäft?

An zwei Merkmalen: Mehrere Unternehmer schließen Liefergeschäfte über denselben Gegenstand ab, und die Ware gelangt in einer einzigen Warenbewegung unmittelbar vom ersten Lieferer zum letzten Abnehmer. Fehlt eines der beiden Merkmale, liegen umsatzsteuerlich getrennte Lieferungen vor.

Welche Lieferung im Reihengeschäft ist steuerfrei?

Nur die bewegte Lieferung, also die, der die Warenbewegung zugeordnet wird. Sie allein kann innergemeinschaftliche Lieferung oder Ausfuhrlieferung sein; alle ruhenden Lieferungen sind im Abgangs- oder im Bestimmungsland steuerpflichtig.

Wie kann der Zwischenhändler die Zuordnung steuern?

Über die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, die er seinem Lieferanten mitteilt. Verwendet er eine USt-IdNr. des Abgangslandes, wird die Warenbewegung nach § 3 Abs. 6a Satz 5 UStG seiner eigenen Lieferung zugeordnet, sonst der Lieferung an ihn.

Was bringt das innergemeinschaftliche Dreiecksgeschäft?

Es erspart dem mittleren Unternehmer die umsatzsteuerliche Registrierung im Bestimmungsland. Die Steuerschuld für die letzte Lieferung geht nach § 25b UStG auf den letzten Abnehmer über, wenn alle Voraussetzungen erfüllt und in der Rechnung korrekt angegeben sind.

Liegt beim Dropshipping ein Reihengeschäft vor?

Ja, sobald der Händler beim Lieferanten bestellt und dieser direkt an den Endkunden versendet. Kritisch ist die Zuordnung der bewegten Lieferung; bei Privatkunden im EU-Ausland kommen zusätzlich die Fernverkaufsregeln und das OSS-Verfahren ins Spiel.

Muss ein Reihengeschäft in die Zusammenfassende Meldung?

Ja, wenn deine Lieferung die bewegte innergemeinschaftliche Lieferung ist oder du als erster Abnehmer in einem Dreiecksgeschäft auftrittst. Die Lieferung im Dreiecksgeschäft ist dabei gesondert zu kennzeichnen.